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Perverser Ecommerce-Wahnsinn

Perverser Konsum im Internet

Unsere Gesellschaft hat sich einen perversen Konsum angewöhnt. Die online Auswahl ist grenzenlos. Von Bücher, über Vitaminkapseln, zu Möbeln und Sex-Toys gibts ja einfach alles. Und das Beste – der Versand kostet ja nichts. so muss ich das Haus theoretisch nie mehr verlassen. Genau das macht ja den Online-Konsum so reizvoll.  Bei Amazon sind die meisten Lieferungen in Deutschland gratis, es gibt kleine Zuschläge für Express-Lieferungen. Bei  Zalando kurbeln kostenlose Lieferung und Retouren den Online-Verkauf mächtig an. Aber rechnet sich das?

Wer zahlt das?

In Deutschland werden jährlich Waren im Wert von 27,6 Milliarden Euro verschickt . Auch werden viele dieser Waren gleich wieder retourniert; Zalando hat eine Retourenquote von etwa 50%. In anderen Branchen ists etwas weniger.

Retourenquote

Foto: SZ-Grafik: Ilona Burgarth: Quelle: SMP AG

So kämpft der typische Online-Handel nicht nur mit sehr hohen Kosten für seine Lager, das Inventar, das Aufsetzen der Logistik, sondern auch mit dem Ärger des Retourenmanagement.

Falsche Reize für den Verbraucher

Der Verbraucher spürt das alles natürlich nicht, solange alle Online-Händler mit noch „kostenloseren“ Angeboten um die Gunst der springenden Kreditkarten buhlen. Obwohl als Problem schon längst von Online-Händlern erkannt und gefürchtet, bleibt die zu preiswert gehaltene „Sofortness“ und billige Lieferung Treiber des Konsumtrends. Wäre die Retour schwieriger, würden sich Leute vorher besinnen, nur Sachen zu bestellen, die sie wirklich haben möchten. (So war es zumindest einmal in guten alten Zeiten, als ich noch ein Kind war.)

Aber in der heutigen Welt müssen Unternehmen ja nicht mehr profitabel sein und können Millionen in Porto verbrennen, solange der Marktanteil stimmt bzw wächst.

Strassenverstopfung wegen Paketen

Auch bedeutet die Verlagerung des  „ich-geh-mal-durch-die-Stadt-bummeln-und-nimm-mit-was-ich-tragen-kann“ zum „ich-bestell-alles-was-ich-zahlen-kann“ Konsums mehr Pakete, mehr Laster & mehr Verkehr.

Der Konsum läuft so schnell und unüberlegt, dass keine Zeit  bleibt, die Lieferungen sinnvoll zu bündeln. Stattdessen fährt der DHL neben dem UPS neben dem Hermes Laster, alle halbleer die gleiche Route ab, um den Pakethunger zu stillen. Dies ist verkehrs- sowohl umwelttechnisch natürlich kritisch. Und letztlich profitiert wahrscheinlich die Autoindustrie. Merzedes Benz entdeckt in der kleinteiligen City-Logistik eine neue Lieferwagensparte  und wittert in Europa ein Marktvolumen von 700.000 neuen Fahrtzeugen für die Kleinteillogisitk.

Wer sorgt dafür, dass das auch alles ankommt?

Letztlich vegisst man oft, dass hinter der Logistik auch Menschen stecken, die das alles zusammensuchen, einpacken, fahren und ausliefern müssen. Zwar sind viele der Prozesse mittlerweile in den riesigen Fulfillment Zentern automatisiert. Trotzdem bleibt es eine anstrengende Arbeit.

Eine Arbeit die letzte Woche grosse Wellen geschlagen hat. Eine Reportage der ARD zeigt das Innenleben eines Amazon Fulfillment Centers. Im daraus resultierende Shit-Storm hört man Worte wie „Ekelerregend“, „menschenverachtend“, „unglaublich“.

Die Süddeutsche gibt die Arbeitssituation von unter falschen Vorstellungen angelockten ausländischen Gastarbeitern wieder als: „Arbeiter müssen bis zu 17 Kilometer am Tag in den Lagern laufen, 15 Tage ohne Ruhetag arbeiten und nach Ende ihrer Schicht in leer stehenden Ferienparks beengt zusammenleben.“

Wollen wir unseren Konsum wirklich mit modernen Konzentrationslager nicht nur in China sondern jetzt auch in unserem eigenen Land rechtfertigen?

Amazon

Umdenken ist angesagt

Umdenken ist überfällig. Jedoch erfordert das ein Umdenken an allen Enden. Konsumenten müssten gemässigter konsumieren und ihr Leben entschleunigen. Gleichzeitig muss klar sein, dass das Einfordern von immer tieferen Preisen der  „Geiz-ist-geil“-Generation auch einen ewigen Preisdruck und tiefere Löhne für die Menschen dahinter mit sich bringt.

Auf der anderen Seite stehen Unternehmen, die von Umsatz besessen sind und stetig nach Wachstum streben. Auch hier müssen Menschlichkeit, faire Löhne und vertretbare Arbeitsbedingungen wieder an Gewicht gewinnen.

Natürlich sind wir überzeugt, dass auch BringBee mithilft das Konsumverhalten zu verändern. Es bringt Menschlichkeit in die Logistikkette, veranschaulicht den Einfluss auf den Verkehr und unsere Umwelt und versucht eine faire Kompensation für die extra Arbeit beim eigenen Einkauf zu bieten.

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Zukunft der Urbanen Kleinstlogistik: Peer-to-Peer Logistics auf der letzten Meile

Letzte Meile

Unsere Verkehrsinfrastruktur stösst heute bereits oft an ihr Limit. In den letzten 10 Jahren allein ist die Anzahl Staus in der Schweiz um fast 50% gestiegen. Die Verkehrszunahme macht Auslieferungen und Transporte im Stadtgewusel zwischen Tram, Auto und Rennradfahrer zu einer ganz schönen Herausforderung. Gleichzeitig erschweren Zufahrtbeschränkungen, Umweltschutzzonen und Parkverbote das Anliefern von Nachschub.

Dass das Ausliefern auf der letzten Meile ein Problem ist, wissen Logistikfirmen schon seit Jahrzehnten. Obwohl der kürzeste Teil der Lieferstrecke, vom lokalen Lieferanten oder Einzelhändler zum Kunden, ist die letzte Meile die teuerste und umweltschädlichste Etappe. Das Startup PolyPort will hier Abhilfe schaffen.

Vision ist Pendler und Bürger auf Ihren alltäglichen Wegen in die Lieferkette einzuspannen. Anstatt einen Laster durch die engen Altstadtgassen zu schicken, sollen mobile Bürger Kleinlieferungen mitnehmen. Mit diesem kollaborativen Ansatz können grosse Investitionen wie Lastwagen zum Ausliefern gespart werden. Stattdessen werden die Bürger für jede Auslieferung entlohnt.

Was nach Zukunftsmusik klingt, kann ab sofort an dem Beispiel „Einkaufen bei Ikea“ mit dem Pilotprojekt BringBee in Zürich getestet werden. BringBee ist ein Mitbringservice für kleinere Ikea Einkäufe. Kunden können auf BringBee aus den 2500 populärsten Ikea Artikeln wählen und Einkaufslisten erstellen. Ikea Kunden aus Ihrer Nähe können die Einkaufslisten dann annehmen und die Wunschprodukte einkaufen und mitbringen. Für das Mitbringen, erhalten die Einkäufer eine Belohnung in Abhängigkeit des Warenwertes, die Kunden freuen sich über eine praktische Heimlieferung. BringBee überwacht die Transaktion, stellt eine gratis Transportversicherung und handhabt den sicheren Zahlungsfluss.

Mit BringBee wird auch die Ikea Heimlieferkette etwas grüner. Kunden können durch das Mitbringen anderer Einkäufe ihre eigenen Transportkapazitäten besser ausnutzen. Gleichzeitig können Kunden zu Hause bewusst entscheiden, keine Einkaufsfahrt anzutreten.

Natürlich haben die Gründer von PolyPort noch weiter geplant: „Wir wollen das Konzept auf weitere Einzelhändler ausbauen und uns langfristig auch in andere Transporte neben Heimlieferungen vortasten, seien es Kleinstlieferungen im B2B oder Abholungen von Altkleidersammlungen“.